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Bann

Titel: Weihnachten - Bann
Autor: callisto24
Prompt#69: Gold

* * *

Weihnachten - Bann

Sie liebte Weihnachten. Sie hatte Weihnachten schon immer von ganzem Herzen geliebt. Daran änderte sich auch nichts, als sie älter wurde, der Kindheit entwuchs und mit einer Welt konfrontiert wurde, die von ihr verlangte erwachsen zu sein und Verantwortung zu übernehmen.
Weihnachten behielt sie dennoch in seinem Bann. Und dieser hatte nicht vor, sie aus seinem festen Griff zu entlassen.
Für Inga bedeutete Weihnachten mehr als die drei Feiertage, mehr als der Dezember mit seinen Vorweihnachtsaktionen, mehr als die offizielle oder inoffizielle Weihnachtszeit, die mit den ersten Lebkuchen im Supermarkt begann und sich bis Maria Lichtmess hinzog.
Seit ihre Eltern Inga in einen Betrieb mitgenommen hatten, in dem das ganze Jahr Weihnachten herrschte, und sei es nur, damit die Mitarbeiter während ihrer unermüdlichen Herstellung und Produktion von Weihnachtsschmuck in Stimmung blieben, wusste sie im Grunde ihres Herzens, wo ihre Bestimmung lag.
Sie traute sich allerdings nie getraut, diese Bestimmung auch nur irgendjemandem gegenüber zu offenbaren. Die meisten Menschen, die sie kannte, hatten hauptsächlich verächtliche Blicke und Bemerkungen auf Lager, wenn es um das Drumherum ging, das die Weihnachtszeit mit sich brachte. Von Konsumterror und Geldverschwendung war die Rede. Von erzwungener Fröhlichkeit und gespieltem Familienglück. Von falscher Idylle und verlogener Festtagsstimmung. Ganz zu schweigen von ungesunden Kalorien und Zucker-Bomben, die sich noch Wochen nach den Festtagen negativ auf Körper und Geist auswirkten.
Und so fühlte Inga sich verpflichtet, ihre Vorliebe für sich zu behalten, aus ihrer übermäßigen Liebe zum Weihnachtsfest ein Geheimnis zu machen.
Sie wartete ab, durch litt mehr oder weniger den Rest des Jahres, bis sich die frohen Tage näherten, bis es ihr erlaubt war, ohne schiefe Blicke zu ernten, von Weihnachten zu sprechen, in Vorbereitungen zu schwelgen und schamlos die leuchtenden Dekorationen an Wänden und Fenstern zu bewundern.
Denn soviel gönnte sie sich. Auch wenn in ihrer Umgebung und Familie, das Weihnachtsbrimborium als solches weitgehend abgelehnt wurde. Auch wenn ihre Eltern sich noch heute über das seltsame Geschäft kaputtlachten, in dem merkwürdige, als Elfen verkleidete und mit grünen Filzmützen bewaffnete Menschen auch im Hochsommer so taten, als ließen Festtagsstimmung und Vorfreude ihre Herzen höher schlagen, nahm Inga sich heraus, ihre Freude an dem Fest, wenn es dann wirklich bevorstand, zu zeigen. Selbst wenn sie schiefe Blicke erntete. Selbst wenn sie mit ernsten Worten zur Vernunft gebracht werden sollte.
Es half alles nichts. Inga begann bereits kurz nach Sylvester, sich Gedanken über das nächste Fest zu machen. Gerade, wenn die Erinnerung noch frisch war, schien es ihr umso wichtiger, die gerade stattgefundenen Vorgänge zu analysieren und mögliche Scharten ein für allemal auszubügeln.
Sie führte Listen darüber, inwiefern ihre Gaben Anklang gefunden hatten. Sie beobachtete genau und deutete aufgrund von Kenntnis und Wissen um die beschenkten Personen. Ob jemand überhaupt imstande war, seine Freude zu zeigen, ob er zu schüchtern oder zu zurückhaltend war, wurde ebenso einkalkuliert, wie die Möglichkeit, dass Inga in der Wahl der Geschenke tatsächlich danebengegriffen hatte.
Natürlich spielte auch die Dekoration eine große Rolle. Und Inga sorgte stets dafür, dass nicht nur sie, sondern auch die anderen Mitglieder ihrer Familie oder ihres begrenzten Freundeskreises sich der Jahreszeit gemäß verhielten. Wenn sich jemand von ihnen nicht der Mühe unterzog, eine Lichterkette ins Fenster zu hängen, dann bastelte Inga großzügig einen Stern aus Goldpapier, wenn sie nicht selbst und höchstpersönlich für die Unterbringung der notwendigen Lichterkette sorgte. Weihnachten war schließlich die Zeit des Gebens und es kam nicht von ungefähr, dass Inga das neue Jahr stets ohne einen übriggebliebenen Cent begann.
Auch wenn sie sich noch so sehr vornahm, es in diesem Jahr nicht zu übertreiben, so konnte sie sich doch, wenn die Zeit gekommen war, nicht mehr zurückhalten. Aber die Möglichkeiten waren einfach zu verlockend, und die Dürreperiode zu lang gewesen. Wie schwer fiel es ihr, sich über die nicht geschmückte Zeit hinwegzutrösten, über die Tage, die ohne Kerzenschein, ohne Zimt- und Nelkenduft qualvoll langsam vergingen.
Sonnenschein, grüne Wiesen, blauer Himmel bedeuteten Inga nichts. Sie sehnte sich nach Kälte, nach Schnee, grauen Wolken und ungemütlichem Nieselregen. Nach kühlem Wind, der es notwendig machte, den Kragen hochzuschlagen, der danach schrie, sich an einem Stand auf dem Weihnachtsmarkt zusammenzudrängen und ein dampfendes, duftendes Getränk zu sich zu nehmen. Untermalt von immer wieder denselben Weisen, den altbekannten und vertrauten Melodien, denen es immer wieder gelang, Inges Herz höher schlagen zu lassen, ihre Gedanken mit Freude und Glück zu erfüllen.
Doch noch verlockender als Lebkuchen und Punsch war jeder Funke Goldes, der aufglänzte, der seinen milden Schein in Inges Gemüt warf und es aufstrahlen ließ, bis sie ein automatisches Lächeln fühlte, das sich ohne ihr Zutun auf ihrem Gesicht ausbreitete.
Ob es sich um Glitter, Flimmer, Lametta oder Goldlack handelte, spielte keine Rolle. Ja, sie akzeptierte sogar Silber oder Kupfertöne, denn wichtig waren ihr der Glanz und der Glimmer. Eine spiegelglatte Oberfläche, die Kerzenlicht zurückwarf, vervielfachte und durch den Raum schickte, bis jede Wand mit verhaltenem Zauber erglühte.
Duftendes Tannengrün spielte perfekt in die Mischung, unterstrich und ergänzte den edlen Schimmer des falschen Metalls. Denn es spielte für Inge beileibe keine Rolle, ob der Glanz echt oder getürkt war, woher er stammte oder wie viel er wert war. Ganz im Gegenteil, für Inge war es nichts als der schöne Schein, der zählte. Nichts als der Eindruck, der Gesamteindruck, der mit dem Anblick einer Kombination aus Licht und Schatten, aus Glanz und Dunkelheit entstand. Vanille und Zimt, feine Düfte im Hintergrund spielten ebenso eine Rolle wie leise Musik, knisternde Wärme, die ein Kamin oder auch nur eine einzige brennende Kerze hervorriefen.
Die Stimmung war alles. Die Stimmung bedeutete Weihnachten. Und wenn Weihnachtsstimmung vorherrschte, so war die Welt in Ordnung, ihre Welt. Inge verstand nicht, wie Menschen sich inmitten der schönsten Zeit des Jahres nach Frühling oder gar Sommer sehnen konnten, nach Hitze und Insekten, nach ausgetrocknetem Asphalt und dem Geruch geschmolzenen Gummis auf den Straßen. Der Winter war sauberer, reiner, ehrlicher. Und die Krönung des Winters lag im Lichterfest verborgen, das Glück und Wärme in jedes Herz brachte.
Wenn jemand, ob er aus Inges Familie oder aus ihrem Freundeskreis stammte, nicht so empfand, so legte Inge alles daran, dessen Meinung zu ändern. Und sie bewies ein außerordentliches Durchhaltevermögen in diesen Bemühungen. Ein weitaus größeres, als sie es in jedem anderen Bereich ihres Lebens aufwies. Vielleicht weil es ihr so große Freude bereitete, weitaus mehr Freude als jede andere Tätigkeit oder Bemühung. Vielleicht, weil sie es für die einzige Tätigkeit hielt, die einen wahren Sinn enthielt. Vielleicht weil Inga glaubte, dass die Bewahrung des Weihnachtsfestes der Bewahrung der Liebe gleichkam. Und dass diese gerade in der aktuellen Zeit weitaus nötiger und wichtiger war, als alles andere. Sie war es wert sich für sie einzusetzen, wert sich ein Bein nach dem anderen auszureißen. Denn das tat Inge bereitwillig. Und nicht weniger als das. Manche mochten es Besessenheit nennen, doch Inge hatte im Laufe der Zeit gelernt die allzu deutlichen Spuren des wahren Ausmaßes ihrer Leidenschaft zu verbergen.
Sie wollte beileibe niemanden erschrecken oder irritieren. Schon gar nicht jemanden, den sie insgeheim plante auf ihre Seite zu ziehen und an ihrer haltlosen Begeisterung teilhaben zu lassen.
So wie sie es mit jedem plante, der nicht schon längst von dem Weihnachts-Virus befallen war oder wenigstens so tat, als wäre er befallen.
Denn was ihre Freunde und Verwandten anging – sie alle hatten einen Weg entdeckt, sich vor Inges Nachstellungen in Sicherheit zu bringen.
Kurz gesagt, bemühten sie sich, solange Inge in der Nähe war, ihr zu Willen zu sein, nach jedweder Möglichkeit zumindest. Sie spielten ihr also etwas vor, taten so, als fühlten sie eine ähnlich starke Liebe und Begeisterung für das Weihnachtsfest, wie Inge sie in ihrem Herzen trug und sich bemühte, zu verbreiten.
So konnten sie zumindest halbwegs sicher sein, dass Inge ihre Aufgabe für erfolgreich beendet ansah und sich anderen Ufern zuwandte. Sprich anderen Personen, die sie verfolgte, um deren Vorlieben und Charakterzüge zu erforschen. Natürlich ausschließlich zu dem Sinn und Zweck, um mögliche Schwächen oder auch Zwänge zu ihren Zwecken zu nutzen. Sprich, um den Verfolgten das Weihnachtsfest in ähnlicher Pracht und Verzückung nahezubringen, wie sie selbst es Jahr für Jahr erlebte.
Nichts glich dem Rausch dieses Festes, die Sinne wurden ausnahmslos und von allen Seiten bombardiert, angeheizt und in eine Ekstase geführt, die der nächsten folgte.
Ein endloses Hochgefühl war die Folge und Inge zeigte keinerlei Verständnis dafür, dass sich jemand diesem Hochgefühl entziehen wollte. Der Zweck heiligte die Mittel und wenn sich jemand gegen sein Glück sträubte, so lag es an ihr, diesem auf die Sprünge zu helfen. Sei es mit unlauteren oder vielleicht sogar moralisch nicht vollkommen einwandfreien Mitteln, es spielte keine Rolle.
Und zudem war Inge sich durchaus bewusst, dass sie sich selbst einen engeren Moralkodex auferlegte, als ihn andere Menschen zu befolgen pflegten. Wenn sie Zeit für Zeit gezwungen war, von ihrem rechten Pfad zur Glückseligkeit abzuweichen, so zählte im Endeffekt doch nur der Erfolg, und in diesem speziellen Fall, die Umkehr einer verlorenen Seele. Einen Menschen zum Zauber des Weihnachtsfestes zu führen, sollte jedes Opfer und jede zugegeben geringe Verfehlung wert sein. Davon war Inge stets überzeugt und danach handelte sie. Inge genierte sich nicht, zu Mitteln zu greifen, die auch einmal unterhalb der sprichwörtlichen Gürtellinie lagen.
Und ihr Erfolgsquotient lag bei 100 Prozent.
Sicher, Inge besaß das Gespür und den richtigen Riecher. Neben der allumfassenden Liebe und der dazugehörigen Kenntnis betreffend jeder Kleinigkeit des Weihnachtsfestes und all seiner Verwandten.
Meistens fühlte sie instinktiv und ziemlich rasch, wo der Hebel angesetzt werden konnte.
Beispielsweise im Hinblick auf alleinstehende Frauen, mit denen sie vertrauter wurde und an denen sie eine undefinierte Abscheu gegenüber den Festtagen bemerkte. Es war nicht schwer, die Leere, die sich in deren Leben ausdehnte, und die nur durch Arbeit und trendige Aktivitäten verdeckt wurde, zu erkennen und mit den richtigen Werten zu füllen.
Manches Mal gehörte das Durchbrechen einer mühsamen, über Jahre hinweg praktizierten Diät hinzu. Doch auch diese Herausforderung meisterte Inge mit Leichtigkeit. Unabhängig davon, in welche exotischen Länder die besagten Damen ihre Prestige-Reisen unternahmen, die sie dem veralteten und unangenehm proletenhaften Weihnachtsfest vorzogen, sprich, über die sie besonders gerne im Angesicht eines altmodischen Adventskranzes oder eines Tannengestecks herzogen, Inge schaffte es beeindruckend rasch ein Rezept und somit auch ein Beispielexemplar des passenden, regionalen Gerichtes aus dem Ärmel zu zaubern, das im verhärmten und frustrierten Gesicht der jeweiligen modernen Frau von Heute, zuerst ein Erstaunen und dann ein Aufflackern der Wärme aufwies, die zu lange unterdrückt gewesen war.
Das Weihnachtswunder fand weltweit statt. In jeder Hütte und in jedem Palast ließen sich die Anzeichen entdecken. Und Inge ging gerne auf Entdeckungstour.
Und ebenso gerne beobachtete sie, wie die Fassade eines mit beiden Beinen fest in der Realität verankerten Menschen bröckelte, wenn er zu erkennen begann, dass es mehr gab, als das Offensichtliche. Dass alles zusammenhing, jedes Lebewesen mit dem anderen verbunden war. Auch wenn sich das erst zeigte, sobald ein Weihnachtsrezept seinen Weg über Ozeane zurückgelegt hatte und jemanden daran erinnerte, dass Weihnachten mehr war als Konsum.
Wurde dann erst ein Bissen genossen, stellten sich positive Gefühle ein, so war der Sieg bereits errungen. Es reichte oft aus, nur einen einzigen der Sinne zu erreichen, zu betäuben, um das gesamte Ziel offensichtlich zu machen.
Männer stellten im Großen und Ganzen eine geringere Herausforderung dar. Selbst die überzeugten Weihnachtshasser trugen ihre Schwächen vor sich her. Ob diese in der richtigen Menge eingeflößtem Alkohol bestanden oder in einem Blick auf ein neuartig blitzendes, hochentwickeltes, technologisch vollkommen unnötiges Spielzeug, spielte den Erfolg betreffend keine Rolle.
Manche benötigten nur ein winziges Stupsen, um sich daran zu erinnern, was ihrem Leben fehlte. Ob es denn die Zusammengehörigkeit in der Familie, reine Mutterliebe, die notwendige Achtung einer Vaterfigur war, all diese Punkte ließen sich am Weihnachtsabend in einer harmonischen Atmosphäre wiedererwecken oder zum ersten Mal entdecken und fühlen. Um demjenigen Tränen der Rührung in die Augen zu treiben, musste es nicht einmal heiliger Abend sein. Inge hatte ihre Kunst soweit verfeinert, dass sie in der Lage war, die gesamte Vorweihnachtszeit mit Momenten, Augenblicken und Stunden zu füllen, die der Harmonie und dem Frieden untereinander gewidmet waren und auf jeden, der daran teilhatte, unvergesslich magisch wirkte.
Sie konnte die Hektik des Alltags vergessen lassen. Sie konnte eine Insel schaffen in der Zeit, die notwendige Ruhe, die andere Menschen gerade in der Weihnachtszeit außer Acht ließen.
Was bedeutete eine unterbrochene Diät, ein exzessiv genossenes Festmahl oder das rapide Einschmelzen des Betrags, der auf dem Konto ruhte, im Hinblick auf diesen Erfolg?
Nichts, jedenfalls nichts für Inge.
Sie trug die Fackel weiter, verkündete die Botschaft, die verkündet werden musste.
Und das ohne Rücksicht auf Verluste.
Wie froh war sie schließlich, als sich all ihre Mühe bezahlt machte. Wie froh war sie, als sich einige der besonders schwarzen Schafe, die zu überzeugen sie ganz besondere Mühe gekostet hatte, zusammenrotteten und sie aus überschäumender Dankbarkeit heraus zu einem weihnachtlichen Festmahl einluden.
Inge hatte Tränen in den Augen. Es sollte die Krönung ihrer Bemühungen werden. Wie oft hatte Inge davon geträumt, dass es ihr gelänge, nicht nur einzelne Abtrünnige zu bekehren, sondern dass diese Bekehrten sich auch noch zusammenschlossen und die Botschaft weiter in die Welt trugen.
Mitglieder ihrer Familie waren ebenso anwesend, wie erst kürzlich, in den letzten Jahren überzeugte Freunde und Bekannte. Und sie alle versprachen, diesen Heiligabend ihr zu Ehren auszurichten. Noch nie zuvor war Inge so glücklich gewesen.
Sie schwelgte in Träumen und Vorstellungen, wohnte den Vorbereitungen bei, wann immer sie durfte, beobachtete das Entzünden von Kerzen, das Ausrollen von Teig und das Aufstellen feiner Porzellanengel. Sie half beim Tragen duftender Tannenzweigen und dem Herbeischaffen genau aufeinander abgestimmten Geschirrs.
Lachende Gesichter, wohin sie auch sah. Augen und Münder strahlten in reinster Vorfreude und als das Glöckchen ertönte, das sie in das Wohnzimmer rief, glaubte Inge vor Glück zu platzen.
Der Baum war kostbar geschmückt, die Weihnachtsmusik erklang sanft im Hintergrund und der feine Duft nach Braten und Kartoffeln drang aus der Küche und umschmeichelte die Nase.
Ein Sektkorken knallte und Inge konnte nicht anders, als begeistert in die Hände zu klatschen, als die sorgfältig auf einem Tablett aufgereihten Gläser Stück für Stück gefüllt wurden.
Feierlich reichte man ihr eines davon. Feierlich wurde angestoßen und gute Wünsche geäußert. Alle warteten darauf, dass Inge als Erste einen Schluck nahm, sollte es doch ihr Ehrentag sein.
Sie nahm dankbar einen tiefen Zug, fühlte das perlende Getränk auf ihrer Zunge, schluckte hastig und wartete auf das angenehme Kribbeln, den leichten Schwindel, der diesem Abend den allerletzten Schliff verleihen sollte.
Nur dass dieser sich nicht einstellte. Obwohl sie wusste, welch großen Teil an den im ersten Augenblick durch den Genuss von Alkohol ausgelösten Emotionen die eigene Fantasie behielt, irritierte Inge doch vor allem der leicht bittere und ihr unbekannt erscheinende Nachgeschmack.
Sicher, sie trank Alkohol wirklich nur zu besonderen Gelegenheiten und nur zu Festtagen. Und doch war sie sich fast sicher, einen Beigeschmack wie diesen noch nie zuvor erfahren zu haben.
Inge zog die Nase kraus und sah sich um. Überall lachten ihr erwartungsvolle Gesichter entgegen. Breit grinsende Münder und leuchtende Augen bedeuteten ihr, das Glas zu leeren und obwohl Inge auffiel, dass sie die Einzige war, die an ihrem Sekt wirklich nippte, erfüllte sie den Wunsch gehorsam.
Die anderen sahen sie fröhlich an und nickten erst ihr und dann sich untereinander zu, bevor sie ihre Gläser fast auf ein Kommando hin, abstellten und sich Inge zuwandten. Die stellte zu ihrem Erschrecken fest, dass ihr eigenes Glas unendlich langsam aus ihrer Hand rutschte. Sie wollte den Mund öffnen, wollte einen warnenden Laut ausstoßen, doch auf einmal wich die Welt von ihr. Es war, als senkte sich ein Schleier zwischen sie und die anderen im Raum. Und dann fühlte sie wie aus großer Entfernung, dass sie stürzte. Inge stürzte und fiel. Die Welt begann sich um sie herum zu drehen, lachende Gesichter umkreisten ihren fallenden Körper. Hände streckten sich aus, jedoch nicht um sie zu halten, sondern um sie tiefer herab zu zerren in ein Dunkel, das sie instinktiv fürchtete.
Doch als sie aufschlug war das Dunkel alles andere als bedrückend. Das Dunkel beinhaltete in sich ein Licht. Und als Inge wieder zu sich kam, als sie blinzelte und versuchte aus dem, was sie umgab einen Sinn zu erschaffen, da vermehrten sich die Lichter. Da begann es um sie herum zu glitzern und zu funkeln. Und wohin sie auch sah, sie erkannte Gold und Silber, Schmuck und Leuchten, eingebettet in dunkles Rot und in sanftes Grün. Sie erkannte einen Weihnachtstraum. Eine Welt, in der sich glänzende Kugeln stapelten, in der Lametta flirrte und tausend Funken versprühte. Eine Welt, in der kristallene Schneeflocken wirbelten und in der, nachdem Inga wieder zu Atem kam, kleine Menschen mit grünen Filzmützen geschäftig an ihr vorbeihuschten.
„Was ist hier los?“, flüsterte sie und versuchte sich aufzurichten, als eines der Wesen stehen blieb und sie freundlich anlächelte. „Du bist angekommen“, sagte es. „Wir arbeiten das ganze Jahr auf das Fest hin. Und sei dir gewiss, dass wir eine helfende Hand besser als alles andere brauchen können.“
„Das Weihnachtsgeschäft“, seufzte Inge glücklich. „Habe ich es endlich gefunden? Und das nach all den Jahren.“
Der grünbemützte Elf lächelte.
„Und bei euch ist auch im Sommer Weihnachten?“
„Immer“, bestätigte der Elf ihr. „Keine Sorge. Von jetzt an musst du nie wieder ohne die Dinge sein, die dir so viel bedeuten.“
Und so war es auch. Inge hatte ihre Bestimmung gefunden. Ob in dieser oder einer anderen Welt, darüber mochte sie nicht nachdenken. Darüber musste sie auch nicht nachdenken. Es war vollbracht.











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