Titel: Weihnachtselfen
Autor: callisto24
Genre: Fantasy, Yuri
Inhalt: Weihnachtselfen am Nordpol.
Prompt#36: Winter
* * *
Grüner Filz kratzte. Lucia fragte sich nicht zum ersten Mal, ob es nur ihr so ging. Sie wünschte, sie könne ihre Schulterblätter erreichen und sich Linderung verschaffen, doch selbst wenn Lucia ihre Hände nicht inmitten einer komplizierten Malerarbeit beschäftigt hielte, wusste sie doch aus jahrhundertelanger Erfahrung, dass sie gerade den Punkt, der am stärksten juckte, nicht erreichen konnte.
Sicherlich lag das ganze Dilemma nur an ihrer empfindlichen Haut. Als ob sie unter den roten Haaren und ihrer Blässe nicht schon genug litte, so fühlte sie sich doch zugleich als Auffangbecken für sämtliche Allergien, die ihren Weg zum Nordpol fanden. Ausschläge, Sommersprossen oder nach fünf Minuten Wanderung über den Schnee bereits ein schmerzhafter Sonnenbrand stellten nur die geringsten der Unannehmlichkeiten dar.
Wie sehr beneidete sie ihre Kollegen, die aus allen Teilen der Welt stammten. Jeder einzelne von ihnen schien ihr mit ungeheuren Vorteilen gesegnet zu sein.
Die Mitarbeiter aus Grönland zum einen, die dem Klima auf natürliche Weise angepasst schienen. Wunderbar mongolisch geschnittenen Augen boten alleine schon mehr Schutz vor der grellen Sonne boten, als jede Sonnenbrille es tun konnte. Und ihre blassblauen Augen, die ständig tränten und wässerten, sobald sich ein Sonnenstrahl auch nur von Ferne näherte, hielten den Vergleich keinesfalls stand. Wenn Lucia Pech hatte, verdoppelte sich das Problem noch mit der Konsistenz des Schnees, der den Effekt vervielfachte, mit Hilfe zahlloser Kristalle aufspaltete, bis unzählige Lichterstrahlen ihre empfindlichen Augen von allen Seiten beschossen.
Sogar die Brüder und Schwestern aus wärmeren Gefilden, aus Äquatornähe befanden sich ihr gegenüber im Vorteil. Deren dunklere Haut schützte sie vor den unbarmherzigen Angriffen des UV-Lichtes. Und das dunkle Haar ersetzte die Kappe. Obwohl sie selbstverständlich dennoch eine tragen mussten, und dies auf jeden Fall zu offiziellen Anlässen. Auf diesem Gebiet fühlte Lucia sich verwandter mit ihnen, als mit anderen stoischen Mitarbeitern aus den verschiedensten Teilen der Welt, ob sie nun ruhig und gelassen oder temperamentvoll wirkten, oder nur allzu gerne in fremde Dialekte verfielen.
Elfen aus Afrika zeigten, wie Lucia selbst, eine vergleichbare Aversion gegen ihre Bekleidung, auch wenn sie es bislang nicht zugegeben hatten.
Lucia empfand beinahe verwirrend großes Verständnis gegenüber manch einem Elfen, mit dem sie Dienst schob, und der gelegentlich unsicher an seinem Filz zupfte, oder sich seiner Kappe entledigte. Auch wusste Lucia sehr genau, dass der eine oder der andere es ohne weiteres vorzog, barfüßig zu arbeiten. Warm genug war es in der Werkstatt und die Sägespäne auf dem Boden sorgten für eine weiche Unterlage. Trotzdem fürchtete sie, dass ihre eigenen Sohlen auch dieser Idee gegenüber nicht aufgeschlossen waren. Manche jedoch fühlten offensichtlich anders. Vor allem, was Makeba anging, war Lucia sich ziemlich sicher, hatte sie doch schon beobachtet, wie diese klammheimlich aus ihrem Filzpantoffeln geschlüpft war, und für gut zwei oder drei Stunden unten ohne an ihrem Kleinkram lötete.
Lucia war jedesmal, wenn sie Makeba heimlich dabei beobachtete, froh, dass sie selbst in der Abteilung für die Unter-Dreijährigen fest angestellt war. Nicht nur, dass sie sich sicher sein konnte, mit vollkommen schadstofffreien Substanzen in Berührung zu kommen, es blieb doch erheblich einfacher ein praktisches und formschönes Spielzeug aus Holz zu fabrizieren, als diesen neumodischen Kram, mit dem sich die Kollegen aus den Jugendabteilungen herumschlugen.
Ein Teil der Entwicklung war offenkundig und buchstäblich an Lucia vorbeigegangen, betrachtete sie die merkwürdigen blinkenden, piependen, immer winziger werdenden und ihr stets ein Geheimnis bleibenden Geräte, die zu ihrer Erschaffung wahre Experten benötigten, die mit Lupe und Pinzette bei der Arbeit saßen, Computerchips verschoben oder winzige, mit dem bloßen Auge kaum erkennbare Verbindungen legten. Schließlich sollten die Ergebnisse der Produktionskette immer noch aussehen, wie von Menschen gemacht. Sie durften nichts verwenden, was dem Menschen nicht zur Verfügung stand, dessen Entstehung er nicht Punkt für Punkt nachvollziehen konnte. Eine langweilige Vorgabe, und vollkommen unnötig, dachte sich Lucia manchmal heimlich. Welcher Mensch sollte sich die Mühe machen, Nachforschungen in dieser Richtung anzustellen?
Ihr jugendlicher Elan und der Idealismus, der sie zu Beginn ihrer Karriere angetrieben hatte, war bereits längst den Weg alles Vergänglichen gegangen. Inzwischen fragte sie sich, warum sie alle sich dieser Mühe überhaupt noch unterzogen.
Wenn sie genauer darüber nachdachte, so bezweifelte sie inzwischen, dass jährliches Beschenken am Weihnachtstag aus pädagogischer Sicht sinnvoll war.
Seit Lucia sich angewöhnt hatte, hin und wieder das Geschehen und die Entwicklung in den Bereichen, welche die Menschheit anging, zu beobachten, begannen marxistische Theorien, die zuvor sogar vom Weihnachtsmann persönlich verlacht worden waren, zunehmend einzuleuchten.
Ganz zu schweigen von der Ausschließlichkeit in Fragen der Religion.
Sicher – Lucia pflegte regen Austausch mit den Elfen, die im Dienste anderer jahreszeitlich oder traditionell bedingter Feste standen. Kindern aus aller Welt und mit allen Religionen standen Geschenke und die notwendige Portion Liebe zu. Dennoch blieb in geradezu jeder Tradition die Frage ungelöst, warum die einen ganze Berge davon kassierten, während andere vielleicht gerade an einem besonderen Feiertag zusahen, wie ihre Mutter an Aids starb, ihr Haus von einem schicken Flieger aus Übersee zerbombt wurde, ein Hochwasser ihre Strohhütte versenkte. Oder die einfach nur verfolgten, wie ein geschwächter Erwachsener Steine kochte und ihnen zumindest die Illusion von Nahrung zu verschaffen, bevor sie in einen erschöpften Schlaf fielen.
Insgesamt ließ sich feststellen, dass Lucia gerade eine Krise durchmachte. Nicht dass Krisen selten waren, und keinesfalls waren sie dies in einem aufreibenden Job, wie Weihnachtselfen ihn ausübten.
Vielleicht handelte es sich um eine dieser ‚Midlife‘-Krisen, die gefährlicher schienen, als man annehmen sollte. Erst vor wenigen Jahren war die Gattin des Weihnachtsmannes ausgerechnet um die Weihnachtszeit davon befallen. Ihr Angetrauter befand sich bereits am Rande eines Nervenzusammenbruchs, als ihr plötzliches Verschwinden aufgedeckt und sie endlich von einer Meerjungfrau an einem Luxusstrand entdeckt wurde, nur mit Tanga und einem knappen Push-Up-Oberteil bekleidet, sich Cocktails von knackigen, braungebrannten Strandboys servieren ließ. Besagte Meerjungfrau hatte nicht mehr verraten, was nur Lucias Ansicht bestätigte, dass manche Frauen stets zusammenhielten. Aber die Gerüchteküche brodelte selbstverständlich noch lange, nachdem sie wieder zum Nordpol zurückgekehrt war, eine dürftige Entschuldigung auf den Lippen. Natürlich konnten Wesen in Führungspositionen sich jede Begründung leisten. Lucia stellte sich nur einen Moment vor, wie sie selbst flüchtete, sich auf einem Liegestuhl ausstreckte, und von hübschen Männern bedienen ließ. Das mit dem Liegestuhl funktionierte zwar schon allein wegen ihrer Haut kaum, ausgenommen ein paar der galanten Angestellten versorgten sie mit Ganzkörperschutz, permanenten Schatten, und der Gewissheit, dass die Temperatur nicht noch mehr stieg.
Lucia hielt in einem Pinselstrich inne. Was die Angestellten anging – an diesen Gedanken könnte sie sich gewöhnen. Vor allem, wenn es sich um langbeinige Schönheiten handelte. Sie seufzte, und fuhr in ihrer Arbeit fort. Wie lange schon hatte sie sich nicht mehr verliebt? Eindeutig zu lange. An das letzte Mal erinnerte sie sich kaum. Nicht, dass es zu etwas geführt hätte, aber alleine das Kribbeln im Magen, die tanzenden Schmetterlinge im Bauch, wenn die Angebetete in der Kantine über den Weg lief, verschönte eine ansonsten eher eintönige Existenz.
Natürlich waren Liebschaften in der Werkstatt nicht gerne gesehen, auch nicht, wenn sie sich rein auf den privaten Bereich erstreckten. Aber selbstverständlich existierten sie, und würden immer existieren, solange es nicht gelang, die Elfen von jeder Art menschlichen Gefühlsguts zu befreien. Was angestrebt, aber noch nicht ernsthaft betrieben wurde, vermutete man doch mit dem Ausmerzen der Menschlichkeit auch die Vernichtung der letzten Stränge, die Elfen mit den Gedanken der Erdenbewohner verbanden und so erlaubte, zeitgemäße Geschenke herzustellen und zu verteilen.
Das Menschliche führte unweigerlich zur Sehnsucht nach Gefühlen, die über alltägliche Freuden hinausgingen. Da reichten auch Glanz und Glorie des Weihnachtsfestes nicht, ebenso wenig wie die Erzeugung einer künstlichen Heimeligkeit mit Hilfe von duftenden Tannenzweigen, harmlos vor sich hin flackernden Kerzen oder süßem Lebkuchen. Selbst der wie Zucker über jedem Dach sitzende Schnee, die dampfenden Töpfe köstlichen Punsches oder die beruhigend vertrauten und allzu stimmigen Melodien, die stets erklangen und nur unterbrochen wurden vom hellen Silbergeläut der Schlittenglocken, konnten nicht vertuschen, dass es sich bei all diesen Bemühungen doch nur um Spielereien handelte. Um die Imitation einer Welt, die nicht die Ihre war und niemals sein würde. Eindeutig nicht Lucias Welt, soviel war sicher.
Manchmal fühlte sie sich geradezu verloren. Und in diesen Momenten litt sie stärker als sonst. Sie war allein und sie würde alleine bleiben. An die Geselligkeit der anderen Elfen konnte sie sich nicht gewöhnen. Bei jedem Versuch, sich zu integrieren, fand Lucia sich wieder in eine Ecke gedrängt, abgewiesen, mehr denn je davon überzeugt, dass sie zum Einzelgänger geboren sei.
Im Grunde kein allzu seltsames Verhalten für einen Elfen. Lucia kannte Leidensgenossen, die ihr Schicksal mit Stolz und Würde vor sich her trugen.
Ruhiger Büffel zum Beispiel, der direkt aus der Nation der Cherokee zu ihnen gestoßen war, als ihre Welt begonnen hatte, sich durch den Ansturm nach Westen radikal zu verändern. Sein langes Haar quoll stets unter der Kappe hervor, und manchmal nahm er sich sogar die Zeit dieses zu flechten und zu schmücken. Dann führte er ihre kreisartigen Tänze auf und sang so laut, dass es die Weihnachtsmelodien übertönte.
Die anderen tolerierten ihn, und sogar der Weihnachtsmann suchte hin und wieder seinen Rat. Nicht dass er oder die Elfen krank wurden, aber leichte Beschwerden brachten doch allein die Temperaturen mit sich. So wurde die großzügig zur Verfügung gestellte Heilkraft eines Schamanen ebenso gerne in Anspruch genommen wie die ganzheitliche Medizin des Kollegen aus Fernost.
Die Vielfalt ihrer Herkunftsländer verbot schon von sich aus ein allzu vollständiges Verständnis der Gedankengänge des jeweils anderen, auch wenn über die Jahrhunderte hinweg durchaus Schwierigkeiten abgebaut und Schwellen in den Boden gestampft wurden. Doch existierten außer Lucia definitiv noch andere, deren Schüchternheit, Unsicherheit oder auch lediglich Vorliebe für die eigene Gesellschaft, ihnen ein Leben in Einsamkeit nahelegten.
Die Silberglöckchen läuteten. Lucia streifte sorgfältig die Farbe von ihrem Pinsel und hängte ihn zum Trocknen auf die Seite. Einen letzten Blick warf sie noch auf das bunte Dreirad, dem nur noch ein paar schnittige Verzierungen fehlten, damit es auch neben den Plastik- oder Metallexemplaren aus Fabrikproduktion bestehen konnte. Lucia wurde diesbezüglich gerne kreativ, wählte zwischen Tiermotiven, Autos oder Flugzeugen für Jungen, während sie Mädchen gerne mit Blumen oder Puppen überraschte. Etwas von der Sorgfalt der Herstellung, von den Gedanken, die sie sich machte, sollte mit der Gabe des Geschenkes mitschwingen, und meistens lag sie mit ihren Vermutungen richtig.
Und war sie sich unsicher, so warf sie einen Blick in die Träume des betreffenden Kindes. Sicher, dabei handelte es sich um unbezahlte Überstunden, aber Lucia wurde nicht selten mit einer Überraschung belohnt, mit einem Mädchen, das sich heiß und innig eine Verzierung mit Fußballermotiv wünschte, oder einem Jungen, für den nichts über Barbie-Puppen ging. Lucia fühlte eine Befriedigung, wenn sie deren Wünsche erfüllte, die nur noch getoppt wurde durch die offenkundig zur Schau getragene Irritation so mancher Eltern.
Nicht selten kam es zu Reklamationen, zu Erziehungsberechtigten, die begannen, die Herkunft der Spielsachen in Frage zu stellen, und den Weihnachtsmann in Bedrängnis brachten.
Doch Lucia führte jedesmal sorgfältig Buch, über die Träume, die sie besucht hatte, die Freude des Kindes am Weihnachtsabend und die mutmaßlich langfristigen Auswirkungen auf dessen Psyche und die der Erziehungsberechtigten.
Und der Rat der Ältesten, allen voran des Väterchen Frosts, das sich nur zu gerne mit Ketten aus glitzernden Eiszapfen schmückte oder der Zahn-Fee, die bereits vor langer Zeit ihr Rüschenkleid und den Lockenkopf gegen eine schlichte Uniform und einen Kurzhaarschnitt eingetauscht hatte, standen verlässlich auf ihrer Seite.
Der Osterhase enthielt sich, doch Lucia beobachtete ihn oft, wie er während der Verhandlungen zu Positionen, die Lucias Argumente unterstützten, nickte, während er sich an einem seiner flauschigen, rosa Ohren kraulte.
Insofern machte Lucia sich keine Sorgen ob der Richtigkeit der getroffenen Entscheidungen.
Doch im Großen und Ganzen wurde ihr Leben dadurch auch nicht leichter.
Sie füllte es mit Arbeit, doch wenn sie diese beiseite ließ, dann blieb ihr nichts als gähnende Langeweile. Lucia fühlte sich zu alt für Zukunftsträume, zu müde, um auch nur einen Bruchteil des Idealismus oder des jugendlichen Elans aufzubringen, der sie einst getrieben hatte.
Die Silberglöckchen läuteten zum zweiten Mal, und Lucia sah auf. Ihr Blick fiel automatisch in die Richtung, in die dieser immer fiel, sobald sich ihre Konzentration von der Arbeit entfernte.
Ohne sich dessen überhaupt noch bewusst zu sein, beobachtete sie Makeba, die ihre Werkzeuge vom Strom nahm, ihren Arbeitsplatz sorgfältig abstaubte und die empfindlichen Geräte in Schubladen verstaute. Und wie immer blieb Lucias Blick an Makebas Händen, ihren Fingern hängen, die lang und schmal mit bemerkenswertem Geschick arbeiteten.
Lucia dachte an nichts. Zumindest glaubte sie an nichts zu denken, als Makeba sich plötzlich zu ihr umdrehte, als die dunkel glänzenden Augen der anderen Elfin den ihren begegneten. Hastig wandte Lucia ihren Blick ab. Sie schluckte trocken, bemühte sich das aufkommende Zittern in ihren Händen zu unterdrücken, als sie sich darauf konzentrierte, einen Fuß vor den anderen zu setzen, um ihre Schritte in Richtung Kantine zu lenken. Jetzt nur nicht auffallen. Es war zwar peinlich, aber dennoch nichts anderes als ein dummer Zufall. Und Makeba war weltgewandt genug, um sich nichts dabei zu denken. Schließlich musste Lucia ja irgendwo hin sehen, und ihr Blick fiel eben diesmal auf die Kollegin.
Auf jeden Fall stand Lucia der Sinn nun nach einem guten, starken Zimt-Tee. Sie wollte gerade wieder aufsehen, die Richtung einschlagen, die sie am ehesten zur Tee-Bar führen würde, als sich ein Schatten vor sie drängte.
Lucia blinzelte, doch sie konnte nicht anders, als aufzusehen, die andere groß anzustarren, die sich so plötzlich in ihren Weg gestellt hatte.
Makeba runzelte die Stirn, als sie auf Lucia heruntersah. Obwohl Lucia nur einen halben Kopf kleiner war, fühlte sie sich auf einmal schrumpfen.
„Ich… ähm…“ brachte sie mühsam hervor.
Makeba hob ihr Kinn. „Hast du was gegen mich?“, fragte sie fest, und Lucia schrumpfte buchstäblich noch ein weiteres Stück.
„Wieso sollte ich etwas gegen dich haben?“, flüsterte sie unsicher.
Makeba verschränkte die Arme vor der Brust. „Du starrst mich ständig an. Glaub ja nicht, ich hätte das nicht bemerkt. Und in der Regel weiß ich was diese Blicke bedeuten.“
„Was sie bedeuten?“, wiederholte Lucia verwirrt.
„He.“ Makeba wurde lauter. „Willst du dich über mich lustig machen?“
Nun kam Lucia zu sich und begann heftig den Kopf zu schütteln. „Das liegt mir absolut fern. Niemals würde ich… ich meine…“
Sie hustete verlegen. „Ich… sehe nur manchmal zu dir… weil… weil…“
Makeba hob ihre Augenbrauen. „Weil was? Ich verstehe kein Wort.“
Lucia biss sich auf die Unterlippe, holte dann tief Luft, öffnete und schloss ein paar Mal ihren Mund, bis es ihr gelang, all ihren Mut zusammenzunehmen.
„Ich sehe dich an… weil… weil du ein… angenehmer Anblick bist.“
Ihre Stimme wurde immer leiser, je länger sie sprach, und sie fühlte, wie ihr Gesicht rosa wurde. Lucia verwünschte sich für ihr Erröten, doch je mehr er sich genierte, umso heißer glühte ihr Gesicht.
Makebas Mund klappte auf. „Du willst dich doch über mich lustig machen“, stieß sie hervor. Jedoch bemerkte Lucia eine Unsicherheit in Makebas Stimme, die ihr zuvor nicht aufgefallen war. Stumm schüttelte sie den Kopf, fasste unwillkürlich nach oben, als ihre Kappe zu rutschen begann. Sie fing die Mütze auf, noch bevor diese herab fallen konnte, und begann sie nervös zwischen den Händen zu drehen.
„Nein“, sagte sie und fügte leiser hinzu: „Und es tut mir leid. Ich wollte dich nicht verärgern. Ich dachte nicht, dass du es bemerkst.“
Makeba blinzelte und nahm dann ebenfalls ihre Kappe ab, kratzte sich einen Moment nachdenklich am Kopf, bevor sie Lucia wieder ansah.
„Du weißt schon, dass sich das komisch anhört“, brummte sie.
Lucia nickte und konnte nicht verhindern, dass ihr ein erleichterter Seufzer entwich. „Schon klar“, sagte sie dann leise und probierte ein schwaches Lächeln. „Ich bin auch ein komischer Typ.“
Sie wartete einen Moment und fügte dann hinzu: „Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel.“
Sie blickte auf, als Makeba ihr nicht antwortete, und stellte fest, dass deren Augen immer noch auf sie gerichtet waren. Erst nachdem ein weiterer Moment verstrichen war, räusperte diese sich unauffällig, bevor sie sprach. „Du bist nicht komisch“, sagte sie. „Überhaupt nicht.“
Lucia fuhr sich durch ihr struppiges Haar, so dass es noch wilder abstand als gewöhnlich.
„Uhm… ich…“
Nun lächelte Makeba. „Lass dir nichts erzählen“, sagte sie dann. „Jeder, der so etwas behauptet, sieht dich nicht richtig.“
Lucia rieb sich über die plötzlich trocken gewordenen Lippen.
„Ich… ich sehe mich selber so.“ Sie lächelte unsicher, vollführte eine vage Geste, die durch den sich langsam leerenden Raum wies. „Ich meine… ich gehöre nirgends hin, passe nicht richtig dazu, egal wo ich bin.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Das war schon immer so. Und das ist jetzt auch nicht anders.“
Makeba lächelte unerwartet. „Sieh mich an. Eine Afrikanerin am Nordpol. Glaub nur nicht, dass ich mich hin und wieder nicht fehl am Platz fühle.“
Lucia sah zu ihr auf. „Aber… du wirkst nicht so. Du… kommst mit allen zurecht.“
Makeba zog die Augenbrauen hoch. „Na du doch auch, oder ist mir etwas entgangen?“
Lucia presste die Lippen zusammen und wich dem Blick der anderen aus.
„Ich… ich meine, du hast keinen Streit oder Ärger… oder…“
Makeba fühlte sich auf einmal ausgesprochen dankbar dafür, dass ihre dunkle Hautfarbe das Blut verbarg, das ihr ins Gesicht stieg. Sie räusperte sich wieder.
„Ich meine… es tut mir leid, dass ich dich so angefahren habe. Ist sonst nicht meine Art. Ich schätze, ich bin ein wenig überarbeitet.“
Lucia seufzte, doch plötzlich zuckte es um ihre Mundwinkel. „Das sind wir doch alle“, meinte sie. „Nur noch wenige Tage bis zum Fest. Kein Wunder, dass wir alle ein wenig überfordert sind, und die Nerven blank liegen.“
Makeba lächelte dankbar. „Ja, die Ferien haben wir uns wirklich verdient.“
„Ja“, nickte Lucia und sah Makeba wieder direkt in die Augen. „Und ich weiß es… dass es nicht deine Art ist, meine ich.“
Sie verstummte, erschrocken mit der Erkenntnis, dass es ihr wieder gelungen war, zu viel zu offenbaren.
„Also, nicht dass ich dich beobachte oder so…“, fuhr sie hastig fort.
Makeba spitzte amüsiert ihre Lippen und schüttelte dann ihren Kopf. „Ich könnte das durchaus auch als Schmeichelei verstehen.“
„Wie bitte?“ Lucia sah erschrocken auf. Aber dann entdeckte sie den Schalk in Makebas Augen und mit einem Mal wurde ihr leicht ums Herz.
Ohne dass sie etwas dagegen ausrichten konnte, breitete sich ein Lächeln über ihrem Gesicht aus und sie fühlte wie sich die kleinen Fältchen um ihre Augen bildeten, denen sie viel zu selten erlaubte hervorzutreten. Nicht mit Absicht, sondern einfach weil das Leben und die Welt für sie schon lange nicht mehr zum Lachen war.
Sie räusperte sich, wich Makebas Blick rasch aus und richtete den ihren auf den Boden.
„Das würde dich nicht irritieren?“, fragte sie unsicher und spürte, wie die Hitze in ihrem Gesicht, die bereits abgekühlt und durch eine angenehme Wärme ersetzt worden war, erneut aufflammte, ihrer Haut den dunklen Rotton verlieh, den sie verabscheute.
Makeba blickte sie an und lächelte dann so breit, dass ihre Zähne im Licht der Kerzenleuchter aufblitzten.
„Nicht im geringsten“, sagte sie dann. Und Lucia wurde zum ersten Mal bewusst, welch angenehm dunklen Klang die Stimme der anderen besaß. Gleichzeitig traf sie die Erkenntnis, dass sie dieser Stimme auch noch nie zuvor gelauscht hatte. Lediglich im Vorbeigehen waren ihr gelegentlich ein paar Worte zu Ohren gekommen, doch Lucia hatte stets aus Höflichkeit versucht, diese auszublenden. Es lag ihr fern, der Unterhaltung anderer zu lauschen, auch wenn sie sich genau in diesem Augenblick, während sie Makeba ansah und ihren Worten lauschte, an die unzähligen Momente erinnerte, in denen sie den Wunsch unterdrückt, die Regung bekämpft hatte, wenigstens als Zuschauer am Leben der anderen teilzunehmen.
Zu ihrem allergrößten Erstaunen merkte sie auch, dass ihr Interesse ausschließlich auf Makeba konzentriert blieb. Lucia schluckte und schloss die Augen, als sie spürte, wie ihr Herz begann, schneller zu schlagen.
Doch die Erkenntnis blieb. Es handelte sich um keinen Zufall, dass ihr Blick ohne dass sie selbst es noch merkte, in jedem möglichen Moment die andere suchte. Kein Zufall, dass sie ihr lauschte, und wenn auch nur, um den Klang ihrer Stimme zu hören, die – wie sie nun zugeben musste – einen wohligen Schauer in ihr hervor rief, den sie weder aufgeben, noch missen wollte.
Makeba schlenkerte mit ihrer Kappe. „Nerven dich die Klamotten auch manchmal?“, fragte sie unvermittelt, und Lucia öffnete erschrocken ihre Augen, nickte dann rasch. „Dieser Filz…“ sie verstummte, lächelte unsicher. „Wieso denkst du…?“
Makeba sah sich auf einmal um und stellte fest, dass der Raum sich bereits geleert hatte, als die Silberglöckchen ein drittes Mal ertönten.
„Wir sollten gehen“, wich sie schnell aus, und setzte sich langsam in Bewegung.
„Ich wollte eigentlich einen Gewürztee. Vielleicht ein wenig Spekulatius, aber irgendwie…“ Sie hielt nervös inne, blickte dann zur Seite, nur um festzustellen, dass Lucia ihr folgte.
„Irgendwie habe ich keinen Hunger mehr“, murmelte Makeba und rieb sich die Nase.
Unwillkürlich tat Lucia es ihr gleich. „Ich auch nicht“, lachte die Rothaarige plötzlich, ein wenig zu laut in ihren eigenen Ohren, und brach abrupt ab.
„Ich… ich meine, ich wollte auch Tee… aber auf einmal ist mir fast zu… ist mein Durst verschwunden.“
„Ja dann.“ An der Schwelle zur Werkstatt blieb Makeba stehen. „Ja dann… wollen wir vielleicht ein wenig raus gehen?“
„Nach draußen?“ Lucia schluckte.
Makeba nickte. „Es soll frisch geschneit haben, ein wunderschöner Anblick. Außerdem wird es bald dunkel und ich vermute fast, dass wir in naher Zukunft kaum noch Zeit haben werden für… uns.“
Lucia blinzelte. Das konnte die andere unmöglich so gemeint haben, wie es sich anhörte. Sie musste sich irren. Ihre Phantasie spielte ihr Streiche. Und dann war sie außer Übung, was den Kontakt mit anderen Elfen anging. Über Untertöne oder unterschwellige Botschaften konnte sie nur spekulieren, und auf diesem Gebiet fühlte Lucia sich seit jeher viel zu unsicher.
Ihr Schweigen interpretierte Makeba als Zögern, und bemühte sich noch mehr Überzeugungskraft in ihre Worte zu legen.
„Die drei Schicksalsschwestern geben dem Nordpol ohnehin nur noch ein paar Jahre. Wir sollten den Anblick genießen, solange es geht.“
Lucia legte ihre Stirn in Falten. „Und wenn das letzte Eis geschmolzen ist, was wird dann aus uns? Ich habe noch nichts von Umzugsplänen gehört.“
Makeba schüttelte den Kopf. „Wird auch nicht nötig sein. Wir existieren ohnehin in einer mythischen Dimension, besser gesagt in mehreren. Unsere Werkstätten bleiben. Nur das Umfeld ändert sich.“
Lucia seufzte, sah dann zu der Größeren auf. „Dann hast du wohl recht“, sagte sie leise. „Ein wenig Schnee und Kälte tun sicher gut, bevor wir uns wieder in die Arbeit knien.“
„Sag ich doch.“ Makeba legte der anderen ihre Hand auf die Schulter und schob sie sachte vorwärts. Lucia bemühte sich, nicht zurückzuzucken, bemühte sich nicht ausschließlich an die Vibrationen zu denken, die Makebas schlanke Finger auslösten. Die Wärme der anderen strömte durch ihre Hand, durch den Stoff, rieselte Lucias Rücken hinab. Ihr armes Herz, das ohnehin schneller schlug, als gut für sie sein konnte, schneller, als sie es seit Jahren schlagen gefühlt hatte, galoppierte gewissermaßen in ihrer Brust, und Lucia legte einen Schritt zu, um die Aufmerksamkeit der anderen von den eigenen, körperlichen Reaktionen abzulenken.
Obwohl ihre Knie sich auf einmal weich anfühlten, gelang es ihr doch den Weg durch die Gänge und die zahlreichen verwinkelten Wendeltreppen hinauf zumindest mit gespielter Sicherheit zurückzulegen. Je höher sie stiegen, umso kühler wurde die Luft, und Lucia atmete auf, fühlte sich die Frische doch angenehm und beruhigend auf ihrer Haut an.
Als sie endlich am Ausgang angekommen, das verborgene und stets mit Eiskristallen bedeckte Tor geöffnet hatten, prallte Lucia bei dem Anblick beinahe zurück.
In der Tat war es beinahe dunkel geworden. Die Sterne glänzten über ihnen in der Dunkelheit des Himmels, der sich wie ein Bogen über die weiße Ebene spannte. Letzte Sonnenstrahlen trafen auf den Teppich aus Schnee, brachten diesen zum Glitzern, spiegelten die verhaltenen Farben des Regenbogens. Die blasse Sichel des Mondes erschien, verbreitete milchigen Schimmer.
Lucia holte tief Atem. „Es ist wunderschön“, flüsterte sie.
„Das ist es.“ Auch Makebas Stimme war leise geworden, ein Hauch nur, und doch, wenn auch nur für Lucia, vernehmbar.
Vorsichtig betrat Lucia die Schneefläche und lediglich das Knirschen ihrer Filzschuhe im Schnee durchbrach die friedliche Stille des Augenblicks. Schritte folgten ihr und Lucia brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass Makeba ihr folgte. Sie ging weiter und die Stille umfing sie wie ein sanfter Mantel, ein Schutzfilm, der in der Enge und Hektik der Werkstatt nicht existieren konnte.
„Es ist so friedlich“, flüsterte sie und drehte sich dann um.
Makeba lächelte. Vereinzelte Schneeflocken hatten sich in ihren dunklen Locken verfangen, und ihre Zähne schimmerten wie der Schnee zu ihren Füßen.
Lucia senkte verlegen den Kopf. Die Kälte umfächelte angenehm ihre Haut, kühlte die Hitze, die drohte erneut in ihrem Gesicht aufzusteigen, besänftigte ihr wild pochendes Herz.
Sie fühlte wie sich Ruhe über sie senkte, wie ihre Brust sich hob, ihre Lungen sich mit der winterlichen Luft füllten, und sie angekommen war. Auch wenn Lucia noch nicht wusste, welches Ziel sie erreichte, ohne gewusst zu haben, dass sie danach strebte. Aber Makeba schien es zu wissen. Ihre Augen blieben unverwandt auf Lucia geheftet. „Habe ich mir doch gedacht, dass du schon lange nicht mehr hier draußen warst“, sagte Makeba leise.
„Was hast du vorhin damit gemeint… Zeit für uns?“, fragte Lucia plötzlich und bemerkte zu ihrem Schrecken, dass Makeba begann zu zittern.
„Ist… ist dir nicht gut?“
Makeba schüttelte den Kopf, lächelte wieder. „Nur kalt“, sagte sie dann. „Ich vermute, dass ein Teil von mir sich immer mehr nach Wärme sehnt, als nach Kälte.“
Lucia senkte den Blick. „Und meine Wurzeln liegen im Norden“, murmelte sie. „Ich… ich hatte es nur vergessen.“
„Das geht in Ordnung.“ Makeba trat einen Schritt auf sie zu. „Vielfalt bereichert die Welt.“
„Vielleicht.“ Lucia sah weiterhin zu Boden, beobachtete die Kontraste, die der weiche Filz zum harten Schnee bildete. „Da sind so viele Seiten, so viele Schwierigkeiten, die es zu bedenken gibt.“
Da näherte Makeba sich ihr einen weiteren Schritt. Ihre kalte Hand berührte Lucias Kinn und hob es an, bis die andere ihr in die Augen sah.
„Was ich mit ‚uns‘ gemeint habe“, sagte sie leise, „ist genau das, was du vermutest.“
Lucia senkte die Augenlider. Ihr Blick fiel auf Makebas Hals und sie beobachtete wie sich die Muskeln unter der Haut bewegten, während die andere nervös schluckte.
„Ich sehe dir schon lange zu“, wisperte Makeba. „Und ich dachte nur, dass du… dass du kein Interesse hättest. Dass du lieber für dich bist.“
Heftig, beinahe zu heftig schüttelte Lucia den Kopf. „Das ist es nicht“, wisperte sie zurück. „Ich weiß auch nicht, was es ist.“
„Hast du Angst?“ Makeba lehnte sich vorwärts, ein wenig nur und doch genug, dass Lucia ihren Atem spürte.
Die Rothaarige nickte leicht. „Ich glaube schon“, gab sie zu. „Es ist schwierig für mich, wenn sich Dinge verändern. Und… und ich bin nicht gut in Gesprächen oder mit anderen.“
Sie biss sich kurz auf die Unterlippe, bevor sie fortfuhr. Ihre Stimme wurde leiser. „Und dann… dann könnte es Schwierigkeiten geben… die Vorschriften…“
Makeba legte ihre Hand gegen Lucias warme Wange. „Es ist doch nur Liebe“, flüsterte sie. „Und das ist es doch, worum es an Weihnachten geht.“
Lucia schloss ihre Augen, fühlte wie die Finger ihre Haut berührten und leise Schauer von ihren Hals hinab liefen und sich direkt in ihrem Magen sammelten, in dem lange vermisste Schmetterlinge aufzusteigen begannen.
„Aber ich…“ stammelte sie. „Bist du dir sicher?“
Makebas Daumen strich über Lucias Unterlippe. „Sicher, dass ich es versuchen möchte“, wisperte sie und Lucia fühlte, wie nun sie es war, die erzitterte, wenn auch nicht aufgrund der Kälte.
„Liebe“, wiederholte sie unhörbar. „Darum dreht sich alles, ist es nicht so?“
Makeba nickte. „So ist es“, flüsterte sie. „Und Hindernisse existieren nur, damit wir sie überwinden können. So ist es in jeder der Welten.“
Makebas Hand wanderte weiter in Lucias Haar, bis sie ihren Hinterkopf umfasste.
Lucias Lippen bebten und ihr Atem ging schneller, als das Gesicht der anderem sich ihrem näherte.
„Du bist schön, meine Freundin“, flüsterte Makeba und Lucias Mund fing den Hauch ihres Atems auf.
„Das bin ich nicht“, wisperte sie und versuchte halbherzig ihren Kopf zu schütteln, doch Makeba hielt diesen zu fest, als sie ihre Lippen auf die der anderen presste.
Der Kuss schmeckte süß und einladend und nach mehr. Und er war vorbei, noch ehe Lucia sich dessen bewusst sein konnte.
Sie schnappte nach Luft, und schlug ihre Augen auf, die sich, ohne dass es ihr bewusst geworden war, geschlossen hatten. Und das erste, was sie sah, war Makebas Gesicht, dicht vor dem ihren. Zu dicht, und doch nicht dicht genug.
Und Makeba lächelte nicht mehr. Ihr dunkler Blick war ernst. Er stellte eine Frage, verströmte Unsicherheit.
„Das bin ich nicht“, wiederholte Lucia automatisch und ohne zu wissen warum. Lediglich die Worte waren in ihren Gedanken festgefroren und lösten sich ohne ihr Zutun von ihren Lippen.
Makeba schloss kurz ihre Augen und Lucia beobachtete eine Schneeflocke, die in ihren langen Wimpern schmolz.
Und als ein Tropfen ihre Wange hinab lief, wusste Lucia nicht, ob es sich um Tauwasser oder um eine Träne handelte.
Makeba lehnte ihre Stirn an die der anderen, wärmte ihre kühle Haut an Lucias.
„Ich sehe dich“, flüsterte Makeba. „Dein wahres Ich. Und du bist schön. Du leuchtest von innen.“
Lucia sog mit einem Seufzer die Luft ein, als Tränen in ihre Augen stiegen.
„Du meinst das ehrlich?“
Lucia spürte das Lächeln der anderen mehr als sie es sehen konnte. „Ich meine es immer ehrlich“, sagte Makeba schüchtern. „Und wenn du mich besser kennenlernst, dann weißt du das auch.“
Sie schluckte. „Die Frage ist nur, ob du das auch willst – mich besser kennenlernen.“
Lucia holte tief Luft, als sie fühlte wie sich Wärme in ihr ausbreitete. Und nicht nur körperliche Wärme. Sie spürte das innere Licht, das in ihr aufstieg, das warm und hell in ihr leuchtete. Und zum ersten Mal glaubte sie zu verstehen, was Weihnachten auslösen konnte, was die Liebe in ihr auslöste. Ein Geschenk, das kostbar war und selten, und das zurückzuweisen unmöglich und unverzeihlich sei.
„Ja“, wisperte sie. „Ich will dich kennenlernen. Ich wünsche mir, dich richtig kennenzulernen.“
„Egal welche Konsequenzen deiner Entscheidung folgen werden?“, fragte Makeba und Lucia nickte.
„Ja“, wiederholte sie fester. „Unabhängig von den Folgen, unabhängig von den Konsequenzen. Nur der Augenblick zählt. Das Jetzt.“
„Und die Liebe“, sagte Makeba leise. „Ich fühle sie.“
„Und ich fühle sie.“ Lucias Lippen näherten sich denen der anderen und ihre Finger wanderten am Filz ihrer Arbeitskleidung hinauf, bis sie deren Hals erreichten und Makebas Kopf näher zu sich zogen, nahe genug, dass sie einen Atemzug teilten, bevor ihre Münder sich gleichzeitig öffneten und mit einem Seufzer zusammentrafen. Einem Seufzer, der nicht der Ihre war. Und weder Lucia noch Makeba bemerkten es, als sich ihre Zungen begegneten, als ihre Herzschläge für einen Augenblick der Ekstase aussetzten, ihre Körper sich aneinander pressten, während ihre Arme die jeweils andere umschlangen, näher zogen, so nahe wie es ihnen physisch möglich war.
„Endlich“, seufzte der Weihnachtsmann, löste seinen Blick vom Fernglas und blinzelte über die runde Brille zu seiner Frau hinüber, die von ihrer Strickarbeit aufsah.
„Nein“, rief diese. „Du willst doch nicht sagen…?“
„Oh doch“, schmunzelte er und strich sich durch seinen Bart. „Es war nicht leicht. Aber dann reicht es auch wieder aus, genügend Hindernisse aufzubauen und ein paar tausend Jahre abzuwarten. Ich hätte es ihnen zwar schon damals im Olymp gegönnt, aber manche Geschöpfe brauchen einfach länger.“
„So ist es wohl“, nickte seine Frau und hob ihr Strickzeug. „Übrigens arbeite ich an einer Badehose für dich. Diesmal kannst du dich doch freimachen, oder?“
Santa Klaus zögerte, lächelte dann. „Um Ostern herum, Liebling. Dann nehmen wir uns einen richtig schönen, langen Urlaub.“
Ende
December 19 2010, 19:35:10 UTC 1 year ago
December 22 2010, 12:44:45 UTC 1 year ago
Vielen lieben Dank fürs Lesen, Olli. :)))))
January 17 2012, 13:37:27 UTC 4 months ago
January 26 2012, 10:52:38 UTC 3 months ago
February 10 2012, 17:37:35 UTC 3 months ago